Die Musikkritik die keine ist...

09.04.2010, 21:16

Einmal Entkunstung der Kunst und zurück bitte! Ein paar Worte zur Musikkritik

Gleichwohl ist nichts der theoretischen Erkenntnis moderner Kunst so schädlich wie ihre Reduktion auf Ähnlichkeiten mit älterer. Durchs Schema "Alles schon dagewesen" schlüpft ihr Spezifisches; sie wird auf eben das undialektische, sprunglose Kontinuum geruhiger Entwicklung nivelliert, das sie aufsprengt. Unleugbar die Fatalität, daß keine Deutung geistiger Phänomene mögich ist, ohne einige Übersetzung von Neuem in Älteres; auch sie hat etwas vom Verrat. An zweiter Reflexion wäre es, das zu korrigieren. Am Verhältnis der modernen Kunstwerke zu älteren, die ihnen ähneln, wäre die Differenz herauszuarbeiten. (Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Ein Kind zu kriegen verändert einiges. Irgendwie bekommt man eine andere Sicht auf die Dinge und manches erscheint einem plötzlich so unwichtig. Ich bin an einem Punkt wo es mir scheiß egal ist was jemand nun denkt oder nicht. Ich mach das Label seit Anfang an weil ich Bock drauf habe, ohne mich auf irgendwelche Normen oder Standards einzulassen - egal ob das DIY oder Punk heißt. Auch so sinnentleerte Logiken wie die von so mancher Szeneprominenz aus Label und Fanzinewelt "Ich bin Punk weil ich Punk bin und deswegen ist alles was ich mache Punk" war mir stets zu wider. Da wird einem schlecht. Spannend war immer das Auseinandersetzen und ggf. auf Anlegen mit Widersprüchen. Dafür stehen auch unsere Bands.

Deshalb muss ich heute mal mit einem Tabu brechen und mal ein paar Worte an die Herren (und wenigen Damen) der Musikkritik richten, auch wenn mit dem Zitat eingangs schon alles gesagt ist. Das Weiterlesen ist nur noch die Ausm-Bauch-Note dazu. Wenn ihr Reviews schreibt, dann erscheint das als Puzzle mit folgenden Teilen: [Gelaber] [Gelaber 2] [Gelaber 3] [Vergleich mit Turbostaat] [Vergleich mit Muff Potter] [Vergleich mit Escapado] [Gelaber 4]. Auseinandersetzung findet jedenfalls keine statt. Würde sie statt finden, wären andere Bands auf euren Seiten als die die es sind. Nichts gegen besagte Bands im Puzzlespiel, aber euch fällt ja nun mal nichts anderes ein und das ist einfach langweilig, uninspiriert und schwach. Ein Label und wohl auch eine Band gründet und betreibt man, weil man der Überzeugung ist, dass es da noch Mehr, etwas Anderes oder etwas Neues zu sagen gäbe. Es wäre an der Zeit, das herauszuarbeiten statt Vergleiche zu beschwören die peinlich sind und bei denen man sich fragt, für wen ihr das Review schreibt. Eine Freundin aus der Musikindustrie meinte einst, das persönliche Review einer Band zu widmen wäre etwas ganz Großes. Die Freude hält sich darüber in Grenzen, so lange man Reviews lesen muss wie die folgenden brandneuen Beispiele:

1. Katzenstreik waren die erste Band hierzulande, die das Genre "Emo/Emopunk" begründet haben und mit ihrem Album "Emowürstchen" auch noch einen selbstironischen Bezug darauf genommen haben. Von der Individualität und Eigenständigkeit jeder einzelnen ihrer Veröffentlichungen kann man auch als Labelbetreiber reden, ohne dass einem das bei der Band als Promo-Gelaber ausgelegt werden kann. Lauri, ein von mir geschätzter Reviewer (u.a. Roter Faden, Ox) und Bandbegleiter seit anno domini sollte das wissen. Warum steht dann im Review zur "Move" die ganze Zeit Tubostaat? Wäre ich Sido würde ich sagen "Hast du was gegen meine Mutter gesagt, oder was? Ey! Ey!!" Ich meine, das muss einem doch peinlich sein oder? Mein Fremdscham ist jedenfalls immens.

2. Joachim vom Trust haut auch mal richtig schön daneben: The Town Of Machine als Lounge-Core zu bezeichnen zeigt wohl am ehesten, dass Joachim ne Lounge im Kopf hatte als er die Platte gehört hat. Ich vermute er saß beim Kiffen in der Küche und der Plattenspieler stand gleichzeitig im Keller 3 Etagen tiefer. Dann noch zu meinen "das ist so uneigenständig wie Ringel Polo-Shirts von Neckermann tragen" sorgt für eine geballte Faust. Einer Band die aus Jet Black und Mallorys Last Dance hervorgegangen ist - immerhin zwei wegweisende Screamo-Bands hierzulande... Naja, wenn die dann nicht den Sound machen dürfen den sie hier selbst entwickelt haben muss man wohl wirklich bei Neckermann kaufen statt in eurem Infoladen.

3. Und dann waren da noch Adolar. Die sind musikalisch so die Bombe und die meisten eurer spärlichen Worte zu der Platte sind nur eine Beleidigung. finde ich. So kann auch das Visions schreiben sie wären eine Generationsschranke (großes Wort) um dann nichts mehr mit der Band anzufangen. Wozu auch, wenn das doch so ne große Hoffnung ist - " Adolar funktionieren als polarisierende Projektionsfläche für die Teenage Angst einer eigenen Generation." (lt. Review). Oder hab ich da zwischen den berühmten Zeilen was verpasst? Lest mal das Intro-Review dazu. Echt der Knüller, da fragt man sich wer da welche Platte gehört hat. Man kann sich nur bei den ganzen Leuten bedanken die sich da im Forum drüber ausgekotzt haben.Ich hatte schon nicht mehr an das Gute zu glauben gewagt. Und dann bleibt nur den Bloggern zu danken, wie AudioTT: "Diese Gleichung ist viel zu einfach." Und das trifft wohl den Kern im Allgmeinen.

Scheinbar muss man beim Major sein oder mindestens bei einem Indie das mindestens ein paar Media Control Chartserfolge nachweisen kann? Vielleicht zieh ich auch bald meine Mütze verkehrt rum und mach Elektro. Oi! Denn sonst ist man nicht "tight genug" (O-Ton Intro). Aus den Mags wird was das Radio schon lange ist. Der Soundtrack zwischen einem Werbespot zum Nächsten. Schuld ist nicht das Internet, sondern eure Trägheit, Inspirationslosigkeit und Angst. Es ist einfach alles so durchschaubar, das macht keinen Spaß mehr mit euch. Was, ihr würdet über Indielabels schreiben? Stimmt! Gab es nicht letztens erst eine tolle Story bei laut.de über das Indie-Labelsterben? Ja wenn sie tot sind findet ihr Worte und heult herum. Vermutlich sind Indies auch nur zum Sterben da, denn dann fühlt ihr Pseudos euch toll bestätigt als Unterdrückte vom Mainstream, den ihr ja jeden Tag selbst bedient. Ich frage mich immer warum die Indie-Szene hierzulande so viel Wert auf Belanglosigkeit legt. Seid ihr mal auf der PopUp Messe in Leipzig gewesen - eine Messe für die Indies - ein Prototyp und super Querschnitt? Da sitzen dann die Labels und Magazine und präsentieren ihre Platten und diskutieren auf Bierbank und Biertisch. Das ist ausdrückliche Langeweilie, Inspirationslosigkeit ist System und Meinungslosigkeit ist Thema der Panels mit so geilen Bezeichnungen wie "Alles so schön bunt hier" ... Na sowas. Hicks. Ich meine das ist in Klein, was man bei der PopKomm oder so in Groß und für mehr Geld haben kann. Business das seit 10 Jahren fragt, wie es wohl weiter gehe ... und doch keine Antworten geben kann. Es hat ja auch keine Fragen.


Wir hätten welche ... aber es schickt sich nicht für Indie-Labels, Ansprüch zu erheben. Nein, das ist uncool und da bin ich stolz drauf. Ich hab kein Bock mich von euch einmachen zu lassen!


Steve Albini on being an artist: www.youtube.com/v/Mw62MYwe5pQ




Contact info

unterm durchschnitt
Andreas Wildner
Im Kamp 2
D-50859 Cologne
Germany / EU
recycled or reused mailer prefered.

0049(0)221.22200050
info@.unterm-durchschnitt.de
www.unterm-durchschnitt.de

Grrr Mailorder
Freibank Music Publishing
The Mensch Gap
Broken Silence
I Can't Relax in Deutschland